"Brasilianische Musik ist jedes Werk mit oder ohne ethnischen Charakter", sagte einmal der brasilianische Musikgelehrte, Schriftsteller und Volkskundler Mario de Andrade (1880-1945) in den Jahren des Höhepunktes jener künstlerischen Strömung, die man in Brasilien als "modernismo" bezeichnet (ab 1922). Dieses ästhetische Ideal kommt beim vielfältigen kompositorischen Schaffen für die Singstimme, das in der brasilianischen Musikgeschichte des 19. und des 20. Jahrhunderts eine herausragende Stellung einnimmt, besonders deutlich zum Ausdruck. Das Komponieren für Gesang, sei es im Lied, sei es in der Oper, hat es zahlreichen brasilianischen Komponisten ermöglicht, stilistische Neuheiten zu erproben, ohne sich all zu sehr vom traditionellen oder vom populären Gesang zu entfernen. Insbesondererim im klassischen brasilianischen Lied verschwinden bald die zwischen E-Musik und anderen, sozusagen volkstümlichen Sparten . Das vorliegende Programm bietet einen Querschnitt des brasilianischen Kunstliedes.

Die Anfänge der Musikgeschichte Brasiliens sind eng mit jener Portugals verknüpft, wobei sowohl Komponisten als auch musikalische Gattungen von der Kolonie Brasilien aus nach Portugal gelangten und umgekehrt. Zu den ältesten, schriftlich überlieferten Liedern Brasiliens gehören die Marcos Portugal (1762-1838) zugeschriebenen Vertonungen von "Marilia de Dirceu". Eine harmonisierte Fassung wurde erst nahezu 200 Jahre später von dem Komponisten Osvaldo Lacerda zusammengestellt. In diese frühe Phase brasilianischer Musikgeschichte gehört die volkstümliche Kunst des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts, die als Modinha bekannt wurde. Von oftmals grosser Sentimentalität, sind diese kurzen, meist in einfacher ABA- Liedform gehaltenen Stücke sowohl vom brasilianischen Volksmusikidom als auch von der italienischen Oper und vom Walzer beeinflusst.

Der stets nach Europa, später auch nach Nordamerika gerichtete Blick der dominierenden gesellschaftlichen Schichten und gleichzeitig die oftmals stark christlich ausgeprägten religiösen Anschauungen haben das etablierte Musikleben in Brasilien meist als Fortsetzung abendländischer Kultur erscheinen lassen.

Im 19. Jahrhundert bestand in einigen urbanen Zentren Brasiliens ein reges Opernschaffen. Vorbild für die Oper war Italien. Antonio Carlos Gomes (1836-1986) bescherte mit seinem Werk der brasilianischen Oper internationalen Erfolg. Sein bekanntestes Werk "Il Guarany" wurde 1870 an der Mailänder Scala mit beachtlichen Erfolg uraufgeführt. Gomes war um diese Zeit für einige Jahre am Lago Maggiore in Italien ansässig um im Land seines grössten Vorbildes ,Giuseppe Verdi ,zu arbeiten. Trotz mehrerer Aufenthalte und späterer Opernaufführungen in Europa, blieb Gomes dem brasilianischen Sujet und besonders auch dem Flair der Volksmusik seiner Heimat treu. Er gilt als der grösste amerikanische Opernkomponist des 19. Jahrhunderts.

Einer der wichtigsten Vertreter des frühen "musikalischen Nationalismus" in Brasilien war Alberto Nepomuceno (1864-1920). Nepomuceno, der mehrere Studienjahre in Europa (Rom, Berlin und Paris) verbrachte, verarbeitete bereits früh Elemente der brasilianischen Popular - und Volksmusik. Seine Lieder ("Cantigas") gehören zu den wichtigsten dieses Repertoires aus dem 1. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.

"Modern" zu sein und gleichzeitig "national", bzw. im eigenen Land verständlich zu bleiben, war für brasilianische Komponisten wie Heitor Villa Lobos (1887-1959) oder Claudio Santoro (1919- 1989) kein Widerspruch in sich, sondern selbstverständlich. Heitor Villa Lobos ist zweifellos der grösste Name der brasilianischen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts und einer der bedeutendsten in Amerika überhaupt. Eine grosse Anzahl seiner Kompositionen sind auch dem Gesang gewidmet. International bekannt sind u.a. "Can?‹o do Amor" und "Melodia Sentimental", beide ein Jahr vor seinem Tode, 1958 entstanden.

Marlos Nobre (geb. 1939) gehört zu den bedeutendsten Vertretern der zweiten Komponistengeneration des 20. Jahrhunderts in Brasilien. Nobres kompositorisches Werk, das wichtigste internationale Auszeichnungen bekommen hat, ist eine konsequente Fortführung eines musikalischen Fortschrittgedankens, der das spezifisch Brasilianische nicht ausser acht lässt. So gehen die entstandenen "Modinha" und "Lundu" auf populäre Musikgattungen des 19. Jahrhunderts zurück. Formale und stilistische Besonderheiten dieser Grundlagen bleiben erkennbar, die Gesamtlage und der Duktus sind jedoch zeitgenössisch.

Auch der aus Amazonas stammende Claudio Santoro konnte aufgrund intensiver Erkundung der traditionellen Musikstile verschiedener Epochen und Regionen, ebenso wie ausgedehnter Studien- und Arbeitsaufenthalte in den USA, Frankreich und Deutschland, unterschiedliche kompositorische Techniken erproben. Sein Werk ist sowohl von der Zwölftonmusik der Wiener Schule, als auch von Aleatorik und elektronischen Klängen bestimmt. In einer späteren Phase kehrte er zu einer freien Verwendung der brasilianischen Elemente zurück. Sein im Jahre 1958 komponierter Liedzyklus gehört in diese Phase.

Der aus S‹o Paulo stammende Osvaldo Lacerda (geb. 1927) ist ein wichtiger Musiktheoretiker und gehört zu jenen Komponisten, die sich zwar der zeitgenössichen Kompositionstechnik verschrieben haben, die jedoch nicht der Avantgarde, sondern eher einer neo-klassischen Richtung zuzuordnen sind. Dank der klar angelegten formalen Anlage und der originellen, bis in kleinste Details ausgearbeiteten Instrumentierung haben sich die Werke Lacerdas einen festen Platz im Muisikleben Brasiliens gesichert.

Dagegen bleibt der aus Santos, bei S‹o Paulo, stammende Gilberto Mendes (geb. 1922) einer internationalen, zeitgenössischen Musiksprache treu, die stark von der Musique Concrete, oder von der Musik Pierre Boulez' und Karlheinz Stockhausens beeinflusst ist. Seine drei Lieder "Desencontros", "Sol de Maiakovski" und "Fenomenologia da Certeza" wurden 1995 komponiert und gehören in eine kompositorische Phase der Reflexion über die massgeblichen Tontechniken zeitgenössischer Musik im ausgehenden 20. Jahrhundert.

Das Werk von Arrigo BarnabŽ ( geb.1951) kann als musikalisches Phänomen betrachtet werden, denn nach einer soliden Ausbildung in Musiktheorie und Komposition, insbesondere in aleatorischen Techniken, Zwölftonmusik und Musique Concrete an der Universität Sao Paulo, vermochte es BarnabŽ Ende der 70er Jahre sein Schallplattenprojekt "Clara Crocodilo" in die Liste der meist besprochenen und gesendeten brasilianischen Popularmusiken zu katapultieren. Den multimedialen Diskurs einer auf Interaktivität basierenden globalen Vernetzung vorweg nehmend, wie sie heute durch den elektronischen Datentranspher möglich geworden ist, hat Arrigo BarnabŽ die Grenzen zwischen populärer und E-Musik, zwischen gesonderten kompositorischen Stilen und Techniken, ja selbst zwischen verschiedenen Kulturen aufgehoben. BarnabŽ hat bevorzugt Lieder komponiert, denn hier steht neben der Musik auch die Sprache zur Verfügung, die trotz Multimedialität das wichtigste Kommunikationmedium des Menschen bleibt.

Thiago de Oliveira Pinto
Direktor des Brasilianischen Kultur Instituts in Deutschland